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Presse

Neue Perspektiven für die Darmkrebsvorsorge Juli 2010

(Interview in der Zeitschrift AOK Forum Juli 2010 S. 20)

Dr. Wilfried Pommerien ist Chefarzt für Innere Medizin am Städtischen Klinikum Brandenburg. Er ist einer der Sprecher der Initiative „Brandenburg gegen Darmkrebs“. Wir sprachen mit ihm über diese Initiative.

Herr Dr. Pommerien, seit der Einführung der Darmkrebsvorsorge sind sieben Jahre vergangen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Zunächst das Positive: Im Land Brandenburg wurde in verhältnismäßig kurzer Zeit die Vorsorge-Koloskopie (Darmspiegelung) flächendeckend eingeführt. Mit der Aufklärungsarbeit ist es gelungen, eine Akzeptanz für die Vorsorge herzustellen, die über dem Bundesdurchschnitt liegt. Dabei wurde besonders um Männer geworben, die häufiger an Darmkrebs erkranken als Frauen, aber die Vorsorge seltener wahrnehmen. Im Ergebnis der Aufklärungsaktion ist der märkische Mann im Verhältnis zum Bundesdurchschnitt deutlich vorsorgewilliger. Zu dieser positiven Bilanz haben die jetzt an mehreren Millionen Untersuchungen nachgewiesenen sehr geringen Komplikationsraten und die weitgehende Schmerzfreiheit beigetragen.

Es gibt aber noch Verbesserungsbedarf. Bei gleichbleibender Inanspruchnahme werden in den ersten 10 Jahren dieses Vorsorgeprogrammes weniger als 30% der Personen, die 2003 der Altersgruppe 55 - 74 Jahre angehörten, daran teilgenommen haben.

Damit bleibt auch der Rückgang der Darmkrebs-Neuerkrankungen und die Verringerung der Sterblichkeit hinter den ursprünglich gesetzten Zielen zurück.

Was kann getan werden?

Wir probieren mehrere Wege, um die Teilnahme an der Koloskopie zu verbessern. Zum Beispiel personengebundene Einladungen. In einem Pilotversuch lud die AOK in einigen Regionen ihre Versicherten zur Terminvergabe für die Vorsorgekoloskopie ein. Das Ergebnis war eine Verdoppelung bis Verdreifachung der Teilnahmezahlen. Auch im Saarland wird zur Zeit ein Einladungssystem getestet. Das Einladungssystem spricht die vorsorgeberechtigten Menschen direkt an und wirkt positiv im Verbund mit der Öffentlichkeitsarbeit. Es sollte ein System aufgebaut werden, wie das bei der der Brustkrebsvorsorge bereits der Fall ist.

Immer wieder gibt es Fragen nach Alternativen zur Koloskopie. Können Sie diese empfehlen?

Zur Zeit gibt es noch keine Untersuchungen, die die Darmspiegelung ersetzen können. Wir setzen aber große Hoffnung auf eine völlig neue Methode: das Entdecken spezieller RNA-Signaturen im Blut. In diesem Botenstoff lassen sich Anhaltspunkte für das Vorhandensein von Darmkrebs erkennen. Für eine Studie haben wir diese Untersuchung in 18 Praxen und Kliniken getestet. Die Befunde für 5000 Patienten werden mit denen einer Koloskopie verglichen. Weltweit gibt es nur ein vergleichbares Projekt. Wir brauchen einen Test, bei dem bereits Vorstufen von Krebs erkannt werden. Dazu sind noch weitere Versuchsreihen nötig. Für die nächsten fünf bis zehn Jahre wird die Koloskopie die wichtigste Methode zur Krebsvorsorge bleiben.

Was hat sich in den letzten Jahren für diejenigen getan, die bereits am Darmkrebs erkrankt sind?

Die wohl wichtigste Entwicklung ist die Bildung von Darmzentren. Diese nach den Richtlinien der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Einrichtungen gewährleisten die qualitätsgerechte Vorsorge, leitliniengerechte Behandlung und Nachsorge der Patienten. Der Aufbau von Darmzentren ist eine bundesweite Entwicklung. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Medizinern unterschiedlicher Disziplinen kann der Behandlungsverlauf mit Operation und weiteren Therapien optimal gestaltet werden.

Die Fragen stellte Bolko Bouché